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Die Kraft der Sonne
Physiker Claus Beneking hat die Erfurter Ersol zum viertgrößten deutschen Solarunternehmen gemacht.
03. Dezember 2007
Wenn Claus Beneking die Industrieroboter beobachtet, wie sie die Siliziumscheiben ins Säurebad tauchen und wieder herausbefördern, dann wirkt der Chef von Ersol eher wie ein neugieriger Besucher. Wenn Beneking seinem Personal in der Fabrikhalle über die Schultern schaut, dann könnte man meinen, er sei ein ganz normaler Mitarbeiter. Dies liegt nicht nur daran, dass der schmächtige Anfangsfünfziger pflichtgemäß wie alle anderen in der Halle einen weißen Kittel und blaue Schuhschützer aus Plastik trägt. Es hängt auch damit zusammen, dass Beneking in der Öffentlichkeit bedächtig, ja fast ein bisschen zaghaft auftritt.
Doch der äußere Eindruck täuscht. Beneking hat längst bewiesen, dass er zupacken kann. Vor sechs Jahren holte er als neuer Vorstandschef den Erfurter Solarzellenhersteller Ersol aus einer tiefen Krise. Die Unternehmensgründer seien zwar "Visionäre" gewesen, so Beneking. Aber sie verstanden offensichtlich nicht allzu viel von Technik.
"Damals wurden Solarzellen mit einer Bruchquote von bis zu 20 Prozent produziert", erinnert sich Beneking. Der viele Ausschuss kam das Unternehmen teuer zu stehen. Der promovierte Physiker Beneking, der zuvor schon als Berater in der Photovoltaik-Branche unterwegs war, bekam das Problem jedoch schnell in den Griff.
Heute - nach fünf Jahren unter der Regie Benekings - gehört Ersol zu den führenden Solarunternehmen Deutschlands. Hinter Q-Cells, Solarworld und Schott Solar rangiert die Erfurter Firma auf Platz vier. Weltweit gehört sie zu den Top 20. Kein Wunder: Für die nächsten zehn Jahre ist bei Ersol mehr als die Hälfte der Produktionskapazität bereits ausgebucht. Vor wenigen Wochen hat das Unternehmen mit dem derzeit eher noch bescheidenen Jahresumsatz von 130 Mio. Euro (2006) einen Milliardenauftrag an Land gezogen.
Doch noch nicht alles läuft rund. "Die Menschen in den neuen Bundesländern trauen sich oft weniger zu als die im Westen", hat Beneking beobachtet. "Deshalb brauchen auch manche Entscheidungen länger." Beneking denkt dabei an die Behörden, wohl aber auch an einen Teil seines Personals.
Als der Manager 2001 in die Hauptstadt Thüringens kam, erlitt er deshalb einen regelrechten Kulturschock. Der Manager stammt aus Aachen, hat dort auch studiert und danach lange Jahre tief im Westen gearbeitet. "Für uns in Nordrhein-Westfalen lag der Osten vor der Wiedervereinigung weit ab vom Schuss", erinnert sich Beneking.
Das hat sich längst geändert. Im Jahr 2002 ist Beneking mit seiner Frau und dreien seiner vier Kinder in den Osten umgesiedelt, in die Klassikerstadt Weimar. Es blieb keine Zeit mehr für lange Pendeleien, denn Ersol wurde immer größer. Im September 2005 ging das Unternehmen an die Börse - die Aktie war fünfzigfach überzeichnet. Ein Jahr zuvor war der kommerzielle Durchbruch gelungen. Der vorübergehende Eigner, die Umweltkontor AG, musste 2004 zwar Insolvenz anmelden, hatte zuvor aber noch ausreichend Investitionskapital in Ersol hineingepumpt. Die Produktion wurde stark ausgeweitet. Inzwischen produziert Ersol 25 Millionen Solarzellen pro Jahr, rund 40 000 pro Arbeitstag. 2004 konnte das Erfurter Unternehmen erstmals seit seiner Gründung 1997 einen kleinen Nettogewinn erzielen.
Und mittlerweile traut sich das ostdeutsche Ersol auch etwas: Bis 2010 soll sich der Umsatz vervierfachen. "Das Wachstum wird vor allem vom Export in die Länder kommen, in denen die Sonne besonders intensiv scheint", sagt Beneking. Von den Mittelmeeranrainern, aus Südamerika und von den US-amerikanischen Südstaaten. Rund die Hälfte seines Umsatzes macht Ersol, dessen Mehrheitseigner inzwischen der US-Finanzinvestor Ventizz ist, schon jetzt im Ausland. Vor zwei Jahren ist das Unternehmen mit 35 Prozent bei einem chinesischen Unternehmen eingestiegen, um auch den dortigen Markt besser erschließen zu können.
Ersol will auch auf Kosten der Konkurrenz expandieren. Beneking sieht seine Firma gleich in mehrfacher Hinsicht überlegen. "Der Wirkungsgrad unserer Solarzellen ist einzigartig", schwärmt der ansonsten so zurückhaltende Manager. Was heißt: Ersols Solarzellen wandeln mehr Sonnenlicht in Energie um als Konkurrenzprodukte.
Zudem sei das Unternehmen ein integrierter Anbieter. Ersol muss sich zwar auch den knappen Rohstoff Silizium beschaffen, formt sich seine Vorprodukte, so genannte Ingots und Wafer, selbst und nimmt auch deren Beschichtung vor. Branchenexperten sind überzeugt, dass ein Unternehmen wettbewerbsfähiger ist, je mehr Schritte der Wertschöpfung es selbst ausführt. Ersol ist trotz einer relativ langen Produktionskette bisher in erster Linie ein Zulieferer. Erst in einiger Zeit will das Unternehmen damit beginnen, auch Standardmodule herzustellen - das Endprodukt, das als Platte auf Hausdächer montiert wird. Immerhin hat Ersol in diesem Jahr schon die Produktion von Dünnschicht-Modulen aufgenommen - Solarzellen, die wie dunkel getönte Fensterscheiben aussehen, allerdings auch geringere Wirkungsgrade erzielen.
Schließlich betrachtet sich Ersol als Kostenführer in der Branche. "Unsere Zellen produzieren wir sogar oft preiswerter als chinesische Anbieter - und dies bei hoher Qualität", behauptet Beneking. Durch langjährige Lieferverträge habe sich Ersol günstige Konditionen für Silizium gesichert. Mehr will er nicht verraten. Die meisten deutschen Konkurrenten produzieren ebenfalls in den neuen Bundesländern und können ebenfalls das vergleichsweise niedrige Lohnniveau dort ausnutzen.
Ersol mit seinen 720 Mitarbeitern muss und will in den nächsten Jahren seine Kosten aber noch weiter senken. Denn bisher profitierten die Solarunternehmen sehr stark vom Gesetz für Erneuerbare Energien (EEG), das die Endverbraucher kräftig bezuschusst, wenn sie Strom durch Umwandlung von Solarenergie produzieren und diesen ins öffentliche Netz einspeisen. Das wird aber nicht so bleiben.
"Ich finde es mutig, am Tag des Wintereinbruchs eine Solarfabrik zu eröffnen", lobte zwar Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD), als Ersol vor einigen Wochen im thüringischen Arnstadt bei Eiseskälte sein neues Wafer-Werk einweihte. Doch der Minister machte dabei auch deutlich, dass er die EEG-Förderung in den nächsten Jahren stark verringern wolle. Was aus Sicht der Politik nahe liegend ist, denn die meisten Solarunternehmen schreiben inzwischen satte Gewinne.
Es gibt aber auch Ausnahmen. Das Hamburger Solarunternehmen Conergy musste vor kurzem eine herbe Gewinnwarnung herausgeben. Das hat die gesamte Branche zumindest vorübergehend in einen Strudel gezogen. Die Aktien der fünf im TecDax notierten Solarwerte verloren zeitweise bis zu 20 Prozent ihres Wertes. Auch das Ersol-Papier kam nicht ungeschoren davon. Denn plötzlich entstanden bei den Anlegern Befürchtungen, dass die Solarunternehmen riesige Überkapazitäten produzierten, weil die politische Förderung unsicher sei oder sogar gekappt werde. In den USA, in Spanien oder eben in Deutschland.
"Für mich ist es wichtig, dass das Rückfahren der Förderung berechenbar bleibt", sagt Beneking. "Andernfalls würden künftige Investitionen ins Ausland fließen." An diesem Mittwoch wird das Bundeskabinett eine erste Entscheidung treffen. Das dürfte auch nicht ohne Folgen für die Solarwerte bleiben. Die Ersol-Aktie hat sich nach dem Zwischentief wieder erholt und notiert derzeit bei 70 Euro - fast 30 Euro über dem Ausgabepreis.
Source: WELT ONLINE
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